Speclog

17.05.20

Epistemische Spekulation

Der Begriff der Spekulation ist erst vor kurzem im Diskurs des Designs aufgetaucht. Er entfaltet aber eine bemerkenswerte Wirkung und löst eine neue Form der gestalterischen, provokativen und experimentellen Produktion aus. +
Diese Aufmerksamkeit gehorcht nicht dem einfachen Schema einer Modeerscheinung. Sie hängt mit drei wirkungsmächtigen Implikationen zusammen, die im Begriff des spekulativen Designs mitschwingen und die für ein epistemisches Verständnis der Spekulation fruchtbar gemacht werden können. +
Diese drei Resonanzräume der Spekulation im Design sind: i)Das spekulative Alltagsgeschehen und damit das Konnotationsfeld der bloßen Behauptung; ii) Die philosophische Spekulation und damit der Anspruch, die Welt gedanklich zu erschließen; iii) Die ökonomische Spekulation, die mit finanziellen Wetten auf Gewinnmaximierung setzt. +
Spekulation ist, wie die drei Fälle zeigen, immer auch ein infrage stellen des Ausgangspunktes. Ich muss an die Arbeit von Kurd Alsleben und Antje Eske denken, die sehr optimistisch fragen: „Wie wär‘s denn schön?“ Ihre Konversationskunst produziert dabei keine Ergebnisse, sondern erlaubt „das Entstehen von Ideen […], also das Wünschen.“ +
Diese Resonanzräume im Dahingesagten, Hypothetischen, Welterschließenden, Waghalsigen und Gewinnorientierten in Alltag, Philosophie und Ökonomie bringen das Spekulative im Design als forschende Praxis epistemisch auf bemerkenswerte Weise zum Schwingen. Im spekulativen Design klingt eine waghalsige, ästhetisch gestaltende, produktive auch gewinnorientierte Welterschließung mit. +
Ließe sich also aus dem neuen Begriff von Spekulation im Design ein neues Verständnis von gestalterisch-produktiver-risikobereiter Einsichtspraxis entwickeln? Vermag das spekulative Design die epistemologische Ästhetik im Waghalsig-Produktiven zu inspirieren? Können wir uns auf ein ebenso imaginäres wie produktives Tableau begeben, auf dem sich – derzeit noch unsortiert – hybride philosophische, ökonomische und gestalterische Praktiken und Erkenntnisstrategien tummeln wie: die Simulation, die Modellierung, das Prototyping, der Entwurf, die Antizipation, die Berechnung, die Vorhersage, die Schau des noch nicht Erfahrbaren, die Voraussicht, die Erwartung und die Annahme? Ein Feld, das von der Mantik über die Probabilistik bis zur Algorithmik reicht? +
Ein Feld, auf dem sich der Begriff der Spekulation neu herauskristallisiert und dabei nicht nur seine Resonanzräume in Philosophie, Ökonomie und Alltag re-strukturiert, sondern auch das Epistemische im Ästhetischen re-figuriert. +