Speclog

24.01.22

Alte Stadt, neue Zukünfte – Epistemische Bildwelten in der Architekturforschung

Am Beispiel von Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, setzt sich das Projekt "Old City, new Futures" [1] mit abstrakten Spektralbereichen der Architektur und der Verkörperung von Zeitlichkeit und Dauerhaftigkeit auseinander. Anhand von spezifischen und spekulativen architektonische Zeichnungen und visuellen Erzählformen die mit Hilfe von Miniaturen die Geschichte des Stadtgefüges erzählen, wird aufgezeigt, wie “Raum” (als Erinnerungsraum) mit den Konzepten Zeit, Material, Struktur und ästhetischen Merkmalen von Unendlichkeit in Verbindung stehen.

Ausgehend vom Ansatz der Reproduktion symbolischer Gebäudetypen werden Texturen um andere symbolische Strukturen herum geschaffen und diese durch den Vergleich historischer Karten in verschiedenen Maßstäben mit heutigen Karten aus einer zeitlichen Perspektive untersucht.

Lokale und regionale Perspektiven werden dabei auf die Korrelation von Geschichte(n), Gegenwart und Zukunft des gelebten Raums befragt. Als materialisierte Metapher symbolisieren die architektonischen Zeichnungen die Beobachtung, dass "das Selbstbild einer Gesellschaft sowohl mittels symbolischer Räume verhandelt als auch in symbolischen Räumen aufgeführt wird" (Vgl. Haarmann/Bohaumilitzky/Bieling/Körschkes 2021).

Nicht nur für die Architekturforschung – zumal im Prozess des Gestaltens selbst – zeigen sich Überschneidungen des Spektralen, des Zeitlichen und des Räumlichen, die verschiedene Blickrichtungen auf die Existenz und die Entwicklung heutiger Städten zulassen. Es ergeben sich hieraus einerseits produktive Wege zur Erkundung von "Phantomen im Konkreten und Räumlichen" (vgl. Hassan 2010; Wiley 2007), sowie andererseits Möglichkeiten für Beiträge zur Formulierung der disziplinären Besonderheit und des methodischen Nutzens der Architekturforschung, etwa innerhalb der Sozialwissenschaften. Im vorliegenden Projekt geschieht dies insbesondere mit Blick auf Epistemische Bildwelten (Marr/Heuer 2020; Schneider/Bredekamp/Dünkel 2021). +
Sneak Preview: "Old City, New Futures". Stay tuned! (Image: Yorganci)
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Ephemere Phänomene, selbst solche des Spektralen, des Phantomhaften, ja des Spuks lassen sich hier als zentrale Treiber urbaner Transformation ernstnehmen und in greifbare, materielle und räumliche Manifestationen überführen. +
Visualisierungsformen und Erzählweisen wie die in “Old City, New Futures” nehmen bei der Wissensproduktion im Gestaltungskontext eine besondere Rolle ein. Die Frage, anhand welcher Visualisierung neues Wissen produziert und anhand welcher hingegen altes Wissen reproduziert wird, die Frage also, welche Erkenntnisleistung von damit verbundenen Bildwelten ausgeht, ist für den Diskurs dies- und jenseits einer Architektur- und Designwissenschaft von Bedeutung. Denn nicht nur lässt sich aus realistischen, wirklichkeitsnahen, abbildenden, sondern auch aus spekulativen Bildern (wissenschaftliche) Erkenntnis gewinnen (vgl. Bieling 2020). Und sei es in dem Sinne, dass sie – wie Rolf Nohr es für die Medienwissenschaft formuliert – auf "spezifische Weise als wahr verstanden" werden (Nohr 2014). +
Architektonische Untersuchungsmethoden und solche des Designs, visuelle Narrative und deren Verständnis als epistemische Bilder und Räume, können selbst – und vielleicht gerade – im Versuch spektrale Bereiche des Zeitlichen sichtbarer und lesbarer zu machen, dabei helfen, bestimmte Sachverhalte und Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen – oder zumindest zu imaginieren. +
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[1] Das Projekt "Old City, New Futures – Epistemic Imagery in Architectural Research" (Emine Yorganci und Tom Bieling) wird im Rahmen eines Beitrages zur Konferenz “Spectres of Time in Space” am Department of Architecture der University of Cambridge verarbeitet. Mit dem Themenschwerpunkt “The Realm of the Phantom: Intersections of Spectrality, Temporality, and Spatiality” setzt sich diese mit interdisziplinären (Forschungs-) Zugängen zu "zeitlichen Implikationen der Gespenster einer Stadt", die nicht zuletzt durch das Medium Raum wirken bzw. im Raum erzählt und wahrgenommen werden und somit existieren. +
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Literatur

Bieling, Tom (2020): Design zwischen Fakt und Fiktion – Epistemische Bildwelten zwischen Visualisierung und Wissensproduktion. Vortrag, Wien +
Haarmann, Anke / Bohaumilitzky, Frieder / Bieling, Tom / Koerschkes, Torben (2021): Design of Unrest. Right-wing Metapolitics – Paralogy – Knowledge Spaces – Chaos (Film, 40 min). Attending (to) Futures, Cologne. +
Hassan, Robert (2010): Globalization and the “Temporal Turn”. The Korean Journal of Policy Studies, 8/2010. +
Marr, Alexander Marr & Christopher P. Heuer (2020): The Uncertainty of Epistemic Images. +
Nohr, Rolf F. (2014): Nützliche Bilder. Bild, Diskurs, Evidenz. Lit Verlag. +
Schneider, Birgit / Horst Bredekamp & Vera Dünkel (Eds.) (2012): Das Technische Bild: Kompendium zu einer Stilgeschichte wissenschaftlicher Bilder. De Gruyter / Akademie. +
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